Vergabepuls
Blog Post3. April 20263 Min Lesezeit

Konsortium-Detection: Wer kooperiert mit wem

Bietergemeinschaften erscheinen in TED nur als Liste von Namen — nicht als Beziehung. Wir machen die Struktur sichtbar und zeigen, welche Wettbewerber faktisch ein Team sind.

Geschrieben von Vergabepuls

In vielen großen öffentlichen Vergaben gewinnt nicht ein einzelner Bieter, sondern eine Bietergemeinschaft — ein Konsortium aus zwei, drei oder mehr Unternehmen, die gemeinsam anbieten. Auf TED sieht das so aus: in der Zuschlagsbekanntmachung erscheinen mehrere <cac:Party>-Einträge unter dem Empfänger-Block. Aus deren Namen muss man selbst herauslesen, dass die zusammen geboten haben.

Das ist auf Bekanntmachungs-Ebene zumutbar. Auf Marktebene wird es interessant: wer kooperiert systematisch mit wem? Welche Konstellationen tauchen in welchen Branchen wieder auf? Und welche Konsortien sind nur Gelegenheits-Allianzen, welche eine strategische Partnerschaft?

Wieso das ein Datenproblem ist

Ein Konsortium ist in eForms eine Liste von Parteien ohne expliziten Beziehungstyp. Es gibt kein Feld „Diese drei sind ein Konsortium". Was es gibt, sind:

  • Mehrere <cac:Party> unter demselben <cac:Tenderer>-Block (für Bieter)
  • Mehrere <cac:Party> unter demselben Award (für Zuschlagsempfänger)
  • Eine optionale Markierung „Group of Tenderers" (selten gepflegt)

Die meisten Vergabestellen befüllen die strukturierten Felder fragmentarisch. Stattdessen steht im Fließtext der Bekanntmachung etwas wie "Zuschlag erteilt an Konsortium aus ARVATO SYSTEMS GmbH und CGI Deutschland B.V. & Co. KG". Das ist keine Datenbank — das ist eine Texterkennungs-Aufgabe.

Wie wir Konsortien rekonstruieren

Unsere Pipeline kombiniert drei Signale:

  1. Strukturierte Tenderer/Award-Listen. Wo sie korrekt befüllt sind, ist der Fall klar. Mehrere Parteien auf demselben Award → Konsortium-Kandidat.
  2. Fließtext-Extraktion. Wir lassen Claude Haiku auf die Bekanntmachung los, mit einem Prompt der genau eine Sache prüft: "Steht im Text, dass mehrere Unternehmen gemeinsam ge-/bietet haben? Wenn ja, gib die Namen und ihre Rollen zurück." Output ist strukturiertes JSON.
  3. Entity-Resolution. Die Namen aus 1) und 2) müssen auf unsere kanonische Wettbewerber-Tabelle gemapped werden — „CGI Deutschland B.V. & Co. KG", „CGI", „CGI Deutschland" sind dieselbe Entität. Wir nutzen einen Embedding-Vergleich (BGE-M3) plus Heuristik auf Rechtsformen.

Das Ergebnis ist ein Kanten-Datensatz in unserer Knowledge-Graph-Light-Tabelle: jede Kante steht für eine gemeinsame Bewerbung oder einen gemeinsamen Zuschlag, mit Datum, Vergabestelle, Auftrag und Volumen.

Was sichtbar wird

Aus den so rekonstruierten Konsortien lassen sich Muster ablesen, die in keiner einzelnen Bekanntmachung stehen:

  • Strategische Partnerschaften. Zwei Unternehmen, die in 8 von 12 großen IT-Vergaben über drei Jahre gemeinsam auftreten — das ist kein Zufall, das ist ein Vertrag, den die Marktebene nicht öffentlich zeigt.
  • Branchen-Zuordnung. System-Integratoren bilden andere Konsortium-Muster als Bauunternehmen. In IT dominieren Zweier-Konstellationen mit klarer Lead/Sub-Rolle. Im Bau sieht man Drei- und Vier-Konsortien öfter.
  • Lead-Position. Wer in einem Konsortium typischerweise als Bieter-Vertretung auftritt, ist selten zufällig der Größte — oft ist es derjenige mit dem Stamm-Auftraggeber-Verhältnis.

Warum das für Bid-Teams relevant ist

Wer auf eine Vergabe bietet und einen ungewohnten Wettbewerber sieht, will wissen: kommt der allein, oder bringt der ein Konsortium mit? Wenn das Konsortium aus historischen Daten plausibel ist — also: dieselben zwei Unternehmen waren in den letzten 24 Monaten dreimal zusammen — ändert das die Bewerber-Lage und damit die eigene Win-Probability-Einschätzung.

Auf der anderen Seite: wer selbst ein Konsortium plant, braucht Antworten auf zwei Fragen.

  1. Hat unser Wunsch-Partner schon einmal mit einem unserer Wettbewerber gebildet — und wie oft?
  2. Gibt es Vergabestellen, bei denen unser Konsortium-Setup historisch keine Erfolgsquote hat?

Beides liest sich aus dem Konsortium-Graph direkt ab.

Was schwer bleibt

  • Subunternehmer sind nicht Konsortium. Ein Subunternehmer-Verhältnis kommt in Bekanntmachungen praktisch nie vor — Vergabestellen fragen nicht danach. Wir bilden das nicht ab.
  • Konsortium-Auflösungen sind unsichtbar. Wenn zwei Firmen ihre Partnerschaft beenden, gibt es kein Signal. Wir sehen nur, dass sie nicht mehr zusammen auftauchen — ein „Negativ-Befund", der in einem zeitlich begrenzten Fenster mehrdeutig ist.
  • Internationale Ausreißer. Bei grenzüberschreitenden Konsortien tauchen ausländische Firmen mit Namens-Varianten auf, die unser Entity-Resolver schlechter trifft.

Das Muster

Konsortien sind die versteckte Beziehungs-Schicht im öffentlichen Beschaffungsmarkt. Sichtbar sind sie nur, wenn man die Bekanntmachungen nicht als isolierte Ereignisse liest, sondern als Knoten in einem Graph. Genau das bauen wir.